Die Abwertung und Zerstörung der deutschen Sprache und Kultur

Eine kritische Analyse eines gesellschaftlichen Phänomens

Einleitung

Die deutsche Sprache und Kultur befinden sich seit Jahrzehnten in einem tiefgreifenden Umbruch. Dieser Prozess äußert sich nicht nur in der zunehmenden Verwendung von Anglizismen oder der Globalisierung kultureller Ausdrucksformen, sondern in einem fundamentalen Wandel des Selbstverständnisses und der Wertschätzung deutscher kultureller Identität. Dieses Phänomen der Selbstabwertung und teilweisen Selbstzerstörung verdient eine eingehende Analyse, die über oberflächliche Klagen über „Sprachverfall“ hinausgeht.

Historische Wurzeln der kulturellen Selbstabwertung

Die deutsche Kultur durchlief im 20. Jahrhundert eine beispiellose Zäsur. Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 hinterließ tiefe Narben nicht nur in der kollektiven Erinnerung Europas, sondern führte zu einer fundamentalen Krise des deutschen kulturellen Selbstverständnisses. Die von Theodor W. Adorno formulierte Frage „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ wurde zur zentralen Herausforderung der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Diese historische Last führte zu einer paradoxen Situation: Während Deutschland wirtschaftlich und politisch wieder zu einer führenden Kraft Europas aufstieg, entwickelte sich gleichzeitig eine tiefe kulturelle Unsicherheit. Der Begriff „deutsch“ wurde in vielen Kontexten negativ konnotiert, was sich in der Sprache ebenso zeigte wie in der kulturellen Selbstwahrnehmung. Die Sprachwissenschaftlerin Ruth Klüger beschrieb dieses Phänomen als „kollektive Identitätskrise“, die sich bis heute fortsetzt.

Die sprachliche Dimension: Von der Denglifizierung zur Identitätsverlust

Die deutsche Sprache erlebt seit den 1980er-Jahren eine beispiellose Anglisierung. Dieser Prozess beschränkt sich nicht auf Fachbegriffe oder internationale Konzepte, sondern durchdringt zunehmend die Alltagssprache. Begriffe wie „Meeting“, „Deadline“, „Event“ oder „Challenge“ haben deutsche Entsprechungen weitgehend verdrängt. Die Germanistin Luise Pusch sprach von einer „Selbstentfremdung durch Sprache“, die die kulturelle Identität untergräbt.

Statistiken des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache zeigen, dass der Anteil englischer Lehnwörter in deutschen Medien zwischen 1990 und 2020 von etwa 3% auf über 8% gestiegen ist. In bestimmten Bereichen wie der Werbebranche oder der Technologieberichterstattung liegt dieser Anteil bei über 20%. Diese Entwicklung ist nicht nur ein Ausdruck internationaler Kommunikation, sondern spiegelt eine tieferliegende kulturelle Orientierungslosigkeit wider.

Besonders beunruhigend ist die Tendenz, deutsche Begriffe als „altmodisch“ oder „unzeitgemäß“ zu stigmatisieren. Die Germanistin Hadumod Bußmann beobachtete, dass viele Deutsche ihre eigene Sprache als „klobig“ und „unflexibel“ wahrnehmen, während sie Englisch als „modern“ und „dynamisch“ empfinden. Diese Selbstabwertung führt zu einer Art linguistischen Kolonialismus, bei dem die eigene Sprache als minderwertig angesehen wird.

Kulturelle Selbstzerstörung als gesellschaftliches Phänomen

Die Abwertung der deutschen Sprache ist nur ein Aspekt eines tieferen kulturellen Problems. Viele Bereiche deutscher Kultur erfahren eine ähnliche Degradierung. Die deutsche Kulinarik wird oft als „schwer“ und „uninspiriert“ dargestellt, während traditionelle Handwerkskunst als „altbacken“ gilt. Selbst in der klassischen Musik, einem traditionellen Starkgebiet deutscher Kultur, zeigt sich eine gewisse Defensivhaltung.

Diese Selbstabwertung manifestiert sich in verschiedenen Formen:

1. Die Idealisierung des Ausländischen

Viele Deutsche neigen dazu, ausländische Kulturen zu idealisieren, während sie die eigenen Traditionen als minderwertig betrachten. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Bildungspolitik, wo deutsche Geschichte oft reduziert auf eine „Geschichte der Verbrechen“ dargestellt wird, während positive kulturelle Leistungen vernachlässigt werden.

2. Die Ablehnung nationaler Symbole

Die deutsche Flagge, die Nationalhymne oder andere nationale Symbole werden von vielen Deutschen mit Unbehagen betrachtet. Die Soziologin Elisabeth Noelle-Neumann sprach von einer „Symbolphobie“, die sich in der deutschen Gesellschaft verbreitet habe. Diese Phobie ist nicht nur Ausdruck historischer Lernprozesse, sondern auch einer tieferen kulturellen Unsicherheit.

3. Die Marginalisierung traditioneller Kultur

Traditionelle kulturelle Ausdrucksformen wie Volksmusik, regionale Bräuche oder handwerkliche Traditionen werden zunehmend in eine „Nische“ verdrängt. Sie gelten als „reaktionär“ oder „provincial“, während internationale Popkultur als zeitgemäß und fortschrittlich angesehen wird.

Die Rolle der Bildungsinstitutionen

Deutsche Bildungseinrichtungen spielen eine ambivalente Rolle in diesem Prozess. Einerseits fördern sie die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und damit wichtige demokratische Werte. Andererseits tragen sie oft zur kulturellen Selbstabwertung bei. Die Historikerin Götz Aly kritisierte, dass deutsche Schulbücher oft eine „negativistische Geschichtsschreibung“ betreiben, die Deutschland ausschließlich als Täter darstelle und positive Entwicklungen ausblende.

Diese einseitige Geschichtsschreibung führt zu einer verzerrten Wahrnehmung der eigenen Kultur. Studien des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigen, dass viele deutsche Jugendliche ihre Kultur als „langweilig“ und „uninspiriert“ empfinden, während sie andere Kulturen als „spannend“ und „lebendig“ wahrnehmen. Diese Einstellung ist nicht nur Ausdruck jugendlicher Rebellion, sondern spiegelt strukturelle Defizite in der kulturellen Bildung wider.

Die Folgen der kulturellen Selbstabwertung

Die Abwertung der eigenen Sprache und Kultur hat weitreichende Konsequenzen:

1. Identitätsverlust

Viele Deutsche erleben eine zunehmende kulturelle Entwurzelung. Die Sozialpsychologin Harald Welzer sprach von einer „identitätsstiftenden Leere“, die sich in der deutschen Gesellschaft ausbreite. Diese Leere äußere sich in einer gewissen Orientierungslosigkeit und dem Fehlen positiver kultureller Vorbilder.

2. Kulturelle Homogenisierung

Die Abwertung eigener kultureller Ausdrucksformen führt zu einer zunehmenden Homogenisierung. Lokale und regionale Kulturen verlieren an Bedeutung, während globale, oft angelsächsische Kulturformen dominieren. Diese Entwicklung bedroht die kulturelle Vielfalt nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

3. Politische Radikalisierung

Die kulturelle Selbstabwertung schafft ein Vakuum, das von extremistischen Kräften ausgefüllt werden kann. Rechtspopulistische Bewegungen nutzen die kulturelle Unsicherheit, um eine romantisierte Vorstellung „deutscher Kultur“ zu propagieren. Diese Gegenentwürfe sind jedoch oft ebenso wenig authentisch wie die abgelehnte Mainstream-Kultur.

Perspektiven und Lösungsansätze

Die Überwindung der kulturellen Selbstabwertung erfordert ein mehrstufiges Konzept:

1. Reflexive Patriotismus

Der Philosophin Jan Philipp Reemtsma folgend, benötigt Deutschland einen „reflexiven Patriotismus“, der die eigene Kultur nicht romantisiert, aber auch nicht verteufelt. Diese Haltung erlaubt es, positive Aspekte deutscher Kultur zu würdigen, ohne die historischen Verbrechen zu vergessen oder zu relativieren.

2. Sprachbewusstsein

Die Förderung des Sprachbewusstseins ist ein zentrales Element. Deutsche Sprachpflege muss sich nicht als reaktionäre Bewegung verstehen, sondern als aktive Gestaltung einer lebendigen Sprache. Initiativen wie der „Deutsche Sprachwelt“ – Verein zeigen, wie moderne Sprachpflege aussehen kann.

3. Kulturelle Bildung

Die kulturelle Bildung muss über die bloße Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit hinausgehen. Sie sollte auch die vielfältigen positiven Beiträge deutscher Kultur zur Weltliteratur, zur Musik, zur Philosophie und zur Wissenschaft hervorheben.

4. Regionale Kultur

Die Stärkung regionaler und lokaler Kulturtraditionen kann zur Überwindung der kulturellen Selbstabwertung beitragen. Regionale Identitäten sind oft weniger belastet als nationale und können positive kulturelle Identifikation ermöglichen.

Schlussbetrachtung

Die Abwertung und Zerstörung der deutschen Sprache und Kultur ist ein komplexes Phänomen, das seine Wurzeln in der historischen Erfahrung des 20. Jahrhunderts hat. Diese Entwicklung ist nicht nur Ausdruck notwendiger historischer Lernprozesse, sondern auch einer tieferen kulturellen Unsicherheit. Die Überwindung dieser Selbstabwertung erfordert keine romantische Verklärung der Vergangenheit, sondern eine ausgewogene Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur. Nur so kann Deutschland zu einer positiven kulturellen Identität finden, die sowohl die historischen Verbrechen als auch die kulturellen Leistungen angemessen berücksichtigt.

Die deutsche Sprache und Kultur haben der Welt wichtige Beiträge geleistet – von der Philosophie Kants und Hegels über die Musik Bachs und Beethovens bis zur Literatur Goethes und Thomas Manns. Diese Leistungen dürfen nicht im Schatten der historischen Verbrechen vergessen werden. Eine lebendige kulturelle Identität erfordert sowohl die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als auch die positive Gestaltung der Gegenwart und Zukunft. Die Aufgabe besteht nicht darin, die deutsche Kultur zu „retten“, sondern sie als lebendigen Teil der europäischen und globalen Kultur zu entwickeln – mit Selbstbewusstsein statt Selbstabwertung.


Quellenverweise:

  • Adorno, Theodor W.: „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ (1959)
  • Aly, Götz: „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“ (2008)
  • Bußmann, Hadumod: „Sprachkritik im Zeitgeist“ (2002)
  • Klüger, Ruth: „weiter leben. Eine Jugend“ (1992)
  • Leibniz-Institut für Deutsche Sprache: „Sprachreport“ (Verschiedene Jahrgänge)
  • Noelle-Neumann, Elisabeth: „Die Schweigespirale“ (1980)
  • Pusch, Luise: „Deutsch als Männersprache“ (1984)
  • Reemtsma, Jan Philipp: „Vertrauen und Gewalt“ (2008)
  • Welzer, Harald: „Das kommunikative Gedächtnis“ (2002)

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Schulische Anforderungen werden weiter gesenkt

Bild von esiuL auf Pixabay