
Würdigung von GEORG KLAUS (1912–1974)
Ein bedeutender Denker der DDR im Spannungsfeld von Dialektik, Kybernetik und Rationalität
Georg Klaus gilt als einer der profiliertesten und originellsten philosophischen Köpfe der Deutschen Demokratischen Republik. Geboren am 25. Dezember 1912 in Nürnberg und verstorben am 23. April 1974 in Berlin, hinterließ er ein vielschichtiges Werk, das die Grenzen traditioneller marxistisch-leninistischer Philosophie zu überschreiten suchte – insbesondere durch seine frühe und konsequente Auseinandersetzung mit modernen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Kybernetik, mathematischen Logik und Semiotik.
Pionier der Kybernetik in der sozialistischen Welt
In einer Zeit, in der die Kybernetik in vielen Ländern des Ostblocks zunächst als „bürgerliche Pseudowissenschaft“ diffamiert wurde, erkannte Klaus früh ihr emanzipatorisches und gesellschaftstransformatives Potenzial. Bereits Anfang der 1950er Jahre setzte er sich dafür ein, die Kybernetik nicht als Bedrohung, sondern als Instrument zur Rationalisierung sozialistischer Planungsprozesse zu verstehen. Sein 1961 erschienenes Werk Kybernetik in philosophischer Sicht wurde zu einem wegweisenden Text, der half, die ideologischen Vorbehalte innerhalb der SED abzubauen und die Kybernetik als „Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Steuerung und Informationsverarbeitung“ in den Kanon der sozialistischen Wissenschaften zu integrieren.
Klaus betonte stets die dialektische Einheit von Mensch und Maschine, von gesellschaftlicher Praxis und technischem Fortschritt. Für ihn war Kybernetik kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Verwirklichung einer menschenwürdigen, rational organisierten Gesellschaft – ein Gedanke, der auch heute in Debatten um Digitalisierung und künstliche Intelligenz aktuell bleibt.
Logik als Grundlage rationalen Denkens
Als Mathematiker und Logiker brachte Klaus eine seltene Präzision in die oft dogmatisch geführten philosophischen Diskurse der DDR ein. Seine Arbeiten zur formalen Logik – darunter das zweibändige
Lehrbuch der formalen Logik (1956/1963) – waren nicht nur akademische Übungen, sondern Ausdruck seines Engagements für Klarheit, Begründung und kritisches Denken. Er sah in der Logik kein neutrales Werkzeug, sondern ein historisch entwickeltes Instrument menschlicher Erkenntnis, das eng mit gesellschaftlichen Entwicklungsstufen verbunden ist.
Besonders bemerkenswert ist sein Versuch, dialektisches und formales Denken nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Momente des Erkenntnisprozesses zu begreifen. Damit stellte er sich gegen vereinfachende marxistische Orthodoxien und öffnete Raum für eine differenzierte Auseinandersetzung mit modernen Wissenschaftstheorien.
Semiotik: Die Wissenschaft der Zeichen im Dienst der Gesellschaft
Klaus’ Beitrag zur Semiotik ist bis heute unterschätzt. In Werken
wie Semiotik und Erkenntnistheorie (1969) entwickelte er eine materialistische Theorie der Zeichen, die Sprache, Kommunikation und Bedeutung aus der Praxis des menschlichen Arbeitens und Zusammenlebens ableitete. Für ihn waren Zeichensysteme keine abstrakten Strukturen, sondern historisch gewachsene Formen der gesellschaftlichen Vermittlung. Diese Perspektive ermöglichte es ihm, sowohl linguistische als auch technische Kommunikationssysteme – etwa Computerprogramme oder Verkehrszeichen – in einem einheitlichen theoretischen Rahmen zu analysieren.
Das „Dreieck der Einflüsse“
Zur intellektuellen Verortung von Georg Klaus entwarf Dr. Manfred Lauermann (2014) ein Modell aus drei Namen:
- Karl Schröter (1905–1977) (Spitze): Repräsentiert die reine Mathematik und den wissenschaftlichen Anspruch.
- Hans Schaul (1905–1988) (Rechts): Der Chefredakteur der Zeitschrift Einheit; er steht für die politische Intervention und die Verankerung in der SED-Praxis.
- Erwin Grochla (1921–1986) (Links): Ein westdeutscher Betriebswirt, der Planung, Kybernetik und Kommunikation (unter Einbeziehung von Niklas Luhmann) zusammen dachte.
Klaus bewegte sich im Zentrum dieser drei Pole.
Schachspieler-Mentalität
Seit 1928 war Klaus im Schachsport aktiv, 1953/54 war er Präsident der Sektion Schach der DDR. Den früheren Schachweltmeister Emanuel Lasker bezeichnete als einen Vorläufer der Spieltheorie.
Georg Klaus arbeitete hocheffizient. Er spielte Themen wie Eröffnungen im Schach durch (z.B. Kybernetik oder Semiotik) und konnte so eine enorme Menge an Büchern und Aufsätzen produzieren.
Wegbereiter der Kybernetik in der DDR
Georg Klaus gilt als der zentrale „Vorkämpfer“ für die Integration kybernetischer Konzepte (System-, Regel-, Informations- und Spieltheorie) in die marxistisch-leninistische Philosophie und gesellschaftliche Praxis (NÖSPL) der DDR.
- Historischer Kontext:
Die Kybernetik wurde in der DDR zunächst als „bürgerliche Scheinwissenschaft“ abgelehnt, bevor sie durch Klaus‘ Bemühungen ab den späten 1950er Jahren zu einer anerkannten Universalwissenschaft aufstieg.
- Zentrale Figur:
Als einflussreichster Philosoph der DDR in diesem Feld, initiierte Georg Klaus vielleicht die einzige ernstzunehmende theoretische „Revolution von oben“ (im Sinne Engels) in der marxistischen Theoriegeschichte des 20. Jahrhunderts: die Integration der Kybernetik als wissenschaftlich-philosophisches Instrument zur Weiterentwicklung der Gesellschafts- und Planungstheorie.
- Beendigung des sozialistischen Reformprojektes:
Das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung (NÖSPL) versuchte unter Walter Ulbricht die Volkswirtschaft wissenschaftlich zu steuern. Die Reform begann mit Grenzschließung zur BRD 1961 (sie ermöglichte ein geschlossenes Experimentiersystem) und endete 1968 mit der Niederschlagung des Prager Frühlings, das zum Abbruch der Reformen führte. Der Sturz Walter Ulbrichts 1971 und das damit verbundene Aus für NÖSPL beendeten in der DDR das ambitionierte, kybernetisch inspirierte Reformprojekt – und damit zugleich eine der wenigen echten theoretischen Neuerungen im Marxismus des Realsozialismus.
- Mein Studium der „Ökonomischen Kybernetik“
Im Geiste der Kybernetik, die von Georg Klaus wesentlich in der DDR beeinflußt wurde, begann ich noch im September 1970 mein Studium der Sozialpsychologie in Jena an der Friedrich-Schiller-Universität an der Sektion „Ökonomische Kybernetik“ (gemeinsam mit Wirtschaftswissenschaftlern und in einem engen praktischen Verbund mit dem Kombinat Carl Zeisse JENA) bevor dies 1971 in die „Sektion Psychologie“ (und andere Lehrpläne) wieder geändert wurde.
- Historische Bedeutung:
Das gewaltsame Ende der Kybernetik von und durch Georg Klaus 1971 (in der DDR) im Realsozialismus bedeutete den Verlust eines Potenzials:
- a) Der Marxismus zerfiel wieder in seine traditionellen konventionellen, ideologischen Bestandteile, die offenbar untauglich waren, die gesellschaftliche Wirklichkeit angemessen zu verstehen und zu gestalten.
- b) Die marxistische Linke bis heute nicht wahrgenommen oder verstanden hat – und vielleicht deshalb bis heute konzeptionell unterlegen ist.
- Verborgenheit der Revolution:
Die „Revolution“ lag in der Transformation des statischen dogmatischen (marxistischen) Materialismus hin zu einem dynamischen, systemtheoretischen Denken, was letztlich auch politisch-organisatorische Steuerungsprozesse beeinflusste.
In Anlehnung an W.I. Lenins „Ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis“ könnte man sagen:
Ohne Kybernetik keine revolutionäre Realisation.
Kritische Würdigung und bleibendes Erbe
Georg Klaus bewegte sich stets in einem Spannungsfeld: Als überzeugter Marxist und Mitglied der SED blieb er dem sozialistischen Projekt verbunden, doch zugleich drängte er auf intellektuelle Offenheit, wissenschaftliche Strenge und kritische Reflexion. Seine Fähigkeit, moderne wissenschaftliche Entwicklungen in die marxistische Philosophie einzubinden, ohne sie dogmatisch zu vereinnahmen, macht sein Werk zu einem bemerkenswerten Beispiel für kreative Theoriebildung unter politischen Restriktionen.
Heute, angesichts globaler Herausforderungen durch Digitalisierung, algorithmische Steuerung und semiotische Überflutung, gewinnen Klaus’ Überlegungen neue Aktualität. Seine Vision einer human orientierten, rational gestalteten Technik – eingebettet in eine demokratische und solidarische Gesellschaft – bleibt eine inspirierende Referenz für alle, die Technik nicht als Schicksal, sondern als Gestaltungsaufgabe begreifen.
„Die Kybernetik ist keine Zauberlehre, sondern eine Wissenschaft, deren Ergebnisse der Menschheit dienen müssen – nicht umgekehrt.“ (Georg Klaus)